„Kabale und Liebe“ mit Daniel Minetti in der Regie von Jan Holtappels
Große Schauspielkunst bekommt man derzeit am Eduard-von-Winterstein-Theater in Annaberg-Buchholz geboten. An dieser Stelle finden Sie keine Kritik, sondern eine Verbeugung.
Von Eva Blaschke
Wann ist eine Schauspielaufführung eigentlich gelungen? Für mich persönlich, wenn ich zwanzig Minuten nach Beginn die Altertümlichkeit der Sprache nicht mehr bemerke. Wenn ich mir problemlos vorstellen kann, mit Luise und Ferdinand zwei heutige, schwer verliebte Jugendliche vor mit zu haben.
So erlebte ich auch die Premiere von Kabale und Liebe im Februar 2023 in Annaberg-Buchholz. Mit Nadja Schimonsky als Luise und Benedict Friederich als Ferdinand sah ich zwei beeindruckenden, absolut gleichwertigen Darstellern zu und war angetan. Die guten Eindrücke setzten sich dann reichlich fort. Vladislav Weis gab einen nosferatuhaften, stets berechnenden, beherrschten und – lächelnden Wurm. Bei jedem Wort von diesem überlief es einem kalt.
Marie-Louise von Gottberg als Vater Miller und war ganz Realist und Vernunft. Das der Vater von einer Frau gespielt wurde, fiel nicht ins Gewicht. Im Laufe des Abends übersah man es ganz. Die Rolle der Mutter ist klein und undankbar, aber Anna Bittner vermochte glaubhaft die Rolle als naiv-dumme, und trotzdem liebende Person greifbar zu gestalten. Die Lady Milford wurde von Gisa Kümmerling facettenreich und wandelbar gespielt.
Daniel Minetti war im Vorfeld groß angekündigt worden. Und ja, sein Spiel ist äußerst beeindruckend, von starker Präsenz und reicher Erfahrung geprägt. Sein Präsident ist so selbstverständlich überheblich und so überzeugt davon, dass Regeln und Gesetze nicht für ihn gelten – es graust einem beim Zuschauen. Das Grauen wächst dann noch beträchtlich, wenn man sich daran erinnert, dass es Zeiten gab, in denen eben nicht alle Personen vor dem Gesetz gleich waren.
Das erstaunlichste an der Aufführung war, dass hier wirklich sieben Schauspieler gleichwertig auf einem durchgängig hohen Niveau agierten. Das erlebt man selten. Oft freut man sich schon, wenn pro Abend ein oder zwei Darsteller zu solcher Höhe finden. Hier waren es sieben und keiner wollte hinter dem andern zurück stehen. Eine solche Aufführung ist ein Geschenk und kleine Probleme, etwa vereinzelt mit der Aussprache, fallen bei dieser Gesamtleistung überhaupt nicht ins Gewicht.
Ein großes Lob geht auch an das Inszenierungsteam mit dem Regisseur Jan Holtappels, der Ausstatterin Linda Hofmann und der Dramaturgin Silvia Giese. Laut Pressematerial ist Herr Holtappels gelernter Tierpfleger und studierter Schauspieler. Man kann nur hoffen, dass er nicht erneut in einen völlig anderen Beruf wechselt, denn dann ginge dem Theater etwas verloren. Es ist wahrhaftig nicht jeder Regisseur in der Lage, die Schauspieler zu solch einer Leistung zu bringen und beim Publikum den Eindruck zu hinterlassen, das Stück sei erst kürzlich geschrieben worden.
In seiner Arbeit ist kein Tasten und Suchen. Eine Lichteinstellung oder eine Toneinspielung und der Rahmen für Szene und Aussage ist gesetzt. Man erkennt klare und sehr durchdachte Vorstellungen, welche den Kern des Werkes hervorheben und die Genialität eines Herrn Schiller bewusst machen. Bühnenbild und Kostüme (Linda Hofmann) deuten die Entstehungszeit des Werkes an, lassen aber viel Raum für die Vorstellungskraft des Zuschauers und sind damit ebenfalls sehr gelungen.
Es war eine grandiose Premiere und ich habe mich gefreut, dabei sein zu dürfen. Daher ist dies der seltene Fall einer wirklich vorbehaltslosen Besuchsempfehlung.
Annotation
„Kabale und Liebe. Ein bürgerliches Trauerspiel“ von Friedrich Schiller. Eduard-von-Winterstein Theater Annaberg-Buchholz
Besetzung
Ferdinand Benedict Friederich
Luise Nadja Schimonsky
Wurm Vladislav Weis
Miller Marie-Louise von Gottberg
Millerin Anna Bittner
Lady Milford Gisa Kümmerling
Präsident Walter Daniel Minetti / Nenad Žanić
Inszenierungsteam
Inszenierung Jan Holtappels
Ausstattung Linda Hofmann
Dramaturgie Silvia Giese
Besuchte Vorstellung Premiere Theater Annaberg-Buchholz 04.02.2023; veröffentlicht 14.02.2023
weitere Vorstellungen 2022/23:
So 26.02.23 19.30 Uhr
So 05.03.23 15.00 Uhr
Fr 10.03.23 19.30 Uhr
So 12.03.23 19.30 Uhr
Mo 13.03.23 10.00 Uhr
Sa 25.03.23 19.30 Uhr
Fr 21.04.23 10.30 Uhr
Credits
Text: Eva Blasche, Journalistin und freie Theaterkritikerin, Annaberg-Buchholz
Fotos: © Dirk Rückschloß / Pixore Photography; Bild oben: Nadja Schimonsky und Benedict Friederich als Luise und Ferdinand
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